Stickoxide: Status quo, Gefahren und Gegenmaßnahmen

Menschen, die sich mit Atemmasken vor Smog schützen: Solche Bilder kennen wir in Deutschland glücklicherweise nur aus dem Fernsehen, wenn wir uns eine Reportage über den Schadstoff-Nebel in Peking oder anderen chinesischen Metropolen ansehen. Hierzulande tritt eine derart hohe Luftbelastung dank hoher Umweltstandards praktisch nicht mehr auf, was jedoch nicht bedeutet, dass unsere Luft frei von Schadstoffen ist. Feinstaub und insbesondere Stickoxide (NOX) belasten unsere Gesundheit – an etlichen Messstationen werden regelmäßig die zulässigen Grenzwerte überschritten. Welche Orte in Deutschland sind besonders betroffen? Welche negativen Folgen sind mit den Emissionen verbunden und was wird unternommen, um gegenzusteuern? In diesem Artikel erfahren Sie mehr über die Hintergründe.

Was ist Stickstoffdioxid und woher kommt es?

Chemisch betrachtet handelt es sich bei dem Begriff Stickoxid (NOX) um eine Sammelbezeichnung für verschiedene Gase. Sie bestehen aus Stickstoff (N) und Sauerstoff (O). Die beiden wichtigsten Stickoxide sind Stickstoffmonoxid (NO) und Stickstoffdioxid (NO2). In diesem Artikel betrachten wir insbesondere letztere Art, da sie von besonderer Relevanz für unsere Umwelt und Gesundheit ist.

Stickstoffoxide entstehen insbesondere bei Verbrennungsprozessen. Hauptverursacher sind in Deutschland Verbrennungsmotoren von Fahrzeugen, Verbrennungskraftwerke (Kohle, Öl, Gas) und Müllverbrennungsanlagen. Besonders in Ballungsräumen ist der Straßenverkehr die größte Quelle für NOX. Betrachtet man diesen Bereich wiederum näher, können schnell Diesel-Motoren als Hauptschuldige ausgemacht werden.

Wie wirkt sich Stickstoffdioxid auf die Umwelt und Gesundheit aus?

Stau ist ein großer Faktor für das Entstehen von Stickoxiden
Der Verkehr gilt als Hauptverursacher der Stickoxide

Ist die Konzentration von Luftschadstoffen, allen voran von Stickstoffdioxid, zu hoch, hat dies deutliche negative Folgen für die Gesundheit. Vor allen Dingen werden die Atemwege belastet, worunter Asthmatiker besonders leiden. Erwiesen ist jedoch auch, dass Nicht-Asthmatiker, die einer intensiven Stickoxid-Belastung ausgesetzt sind, das Krankheitsbild spontan entwickeln können. Allgemein verschlimmern sich durch NO2 Allergien oder werden dadurch sogar erst ausgelöst. Leider sind von diesen Auswirkungen besonders Kinder betroffen. Die WHO warnt bereits länger davor, dass in stark belasteten Gebieten sogar eine höhere Zahl von Herz-Kreislauf-Erkrankungen auftritt.

Auch das Ökosystem leidet unter Stickstoffdioxid. Bei Pflanzen äußert sich dies durch ein gehemmtes Wachstum, ein Gelbwerden der Blätter und durch vorzeitiges Altern. Die Grünpflanzen sind dann nicht mehr in der Lage, die Luft in dem Maße zu reinigen, wie sie dies in unversehrtem Zustand tun.

Was ist der Unterschied zwischen Stickoxiden und Feinstaub?

Feinstaub war das Hauptproblem, bevor es vor einigen Jahren von Stickstoffdioxid abgelöst wurde. Im Gegensatz zu NOX handelt es sich bei Feinstaub nicht um einen gasförmigen Stoff, sondern um winzige Teilchen, die eine gewisse Zeit in der Luft schweben. Die einzelnen Teilchen sind so klein, dass sie in den menschlichen Atmungstrakt gelangen können. Feinstaub entsteht hauptsächlich durch Verbrennungsprozesse in Automotoren und der Industrie. Insbesondere der Ruß aus Dieselmotoren trägt zu hohen Konzentrationen bei. Daneben beinhaltet Feinstaub jedoch auch Teilchen aus dem Reifenabrieb oder schlicht aufgewirbelten Staub der Fahrbahn. Schwebstaub ist – wie auch NOX – schädlich für die Atemwege und begünstigt Erkrankungen von Herz und Kreislauf.

Welche Regionen sind besonders stark betroffen?

Zum Schutz der Gesundheit hat die EU bereits vor etlichen Jahren Grenzwerte festgelegt. Die Konzentration an Stickstoffdioxid darf beispielsweise 200 µg/m³ innerhalb einer Stunde nicht häufiger als 18 Mal pro Jahr überschreiten. Für den Jahresdurchschnitt gilt ein Grenzwert von 40 µg/m³. Betrachtet man die Stickstoffdioxid-Belastung der Vergangenheit, ist festzustellen, das bis Ende der 1990er Jahre ein Rückgang zu verzeichnen war. Seitdem gibt es keine Fortschritte mehr bei der Absenkung der schädlichen Emissionen.

Die seit 2010 gültigen Grenzwerte werden an mehr als der Hälfte verkehrsnaher Messstationen in Deutschland regelmäßig überschritten – in manchen Städten um mehr als 100 Prozent. Betrachten wir die Werte aus 2015, ist Stuttgart negativer Spitzenreiter. Der Jahresdurchschnitt des lungenschädlichen Gases lag dort am Neckartor bei 87 Mikrogramm pro Kubikmeter (Grenzwert: 40). An der viel befahrenen Landshuter Allee in München waren es mit 84 µg nicht deutlich weniger. Werte über 60 gab es außerdem an einzelnen Messstationen in den Städten Heilbronn, Hamburg, Köln, Kiel und Darmstadt. Insgesamt treten diese Konzentrationen allesamt nur an Straßen mit hohem Verkehrsaufkommen auf. Leidtragende sind demnach klar die Anwohner derartiger Gebiete, jedoch auch Autofahrer, welche solche Verkehrsadern regelmäßig nutzen.

Bringt die blaue Umweltplakette wirklich Abhilfe?

Die blaue Umweltplakette – so könnte sie aussehen
Würde die blaue Umweltplakette helfen?

Sie spaltet die Gemüter: Die blaue Umweltplakette soll alte Dieselfahrzeuge, die als Hauptemittenten für Stickstoffdioxid und Feinstaub gelten, aus Innenstädten verbannen. Genauer gesagt geht es um Lkw und Pkw, die noch nicht die Vorgaben der bislang strengsten Abgasnorm Euro 6 erfüllen. Doch ist die blaue Plakette wirklich die Lösung für das Stickoxid-Problem?

Umweltzonen, in die nur noch Fahrzeuge mit grüner Plakette einfahren dürfen, existieren derzeit in 54 deutschen Städten. Tatsächlich konnte dadurch bereits eine deutliche Senkung der Luftbelastung durch Feinstaub und Kohlendioxid erreicht werden. Die Stickoxid-Belastung wurde hierdurch jedoch nicht reduziert. Nach Berechnungen von Experten wäre man im Jahr 2025 in der Lage, durch die Einführung der blauen Plakette an Extremstandorten wie der Landshuter Allee in München die Grenzwerte erstmals einzuhalten. Mit allen anderen bekannten Maßnahmen würde man nicht annähernd an diesen Punkt kommen. Aktuell sind dennoch zahlreiche kritische Stimmen zu dieser „verschärften Umweltzone“ zu vernehmen, weshalb nicht abzusehen ist, ob entsprechende gesetzliche Voraussetzungen in näherer Zukunft auf den Weg gebracht werden.

Was passiert bei Nichteinhaltung der EU-Grenzwerte?

Gegen Deutschland läuft bereits ein Verfahren der EU-Kommission, weil die aktuellen Grenzwerte seit Jahren überschritten werden. Da sich wenig tut, wird eine Verurteilung und damit eine Strafzahlung immer wahrscheinlicher. Pro Kommune, in der die Vorgaben nicht erreicht werden, ist mit Beträgen in zweistelliger Millionenhöhe zu rechnen. Aufkommen müsste hierfür zunächst der Bund, der die Kosten jedoch auf die Länder verteilen könnte.

Die Bundesregierung räumte ein, dass 23 Städte die Grenzwerte erst ab 2020 einhalten werden können, was die EU-Kommission jedoch nicht akzeptiert. Hauptkritikpunkte der EU sind derzeit fehlende Tempolimits und der Fortbestand von Steuervorteilen für Dieselfahrzeuge. Berlin erklärte indes, dass man auf die strenge Euro-6-Abgasnorm setze. Insgesamt bleibt festzustellen, dass der Maßnahmenkatalog jedoch deutlich umfangreicher sein müsste, um die Luftbelastung auf ein gesundheitlich unbedenkliches Level zu reduzieren.

Fazit: Deutschland ist längst nicht am Ziel

Etwa 10.000 Todesfälle werden hierzulande jährlich durch Stickstoffdioxide verursacht. Betroffene Städte unternehmen bisweilen eher wenig, sodass nun verstärkt Umweltorganisationen und Bürger Klage gegen verantwortliche Institutionen erheben. Die blaue Umweltplakette könnte zur Lösung beitragen, wobei jedoch entsprechende Voraussetzungen erst geschaffen werden müssen. Weitere wichtige Maßnahmen sind die Förderung alternativer Antriebstechnologien und ein attraktiver, umweltfreundlicher Personennahverkehr in Ballungszentren.

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